Sehen und gesehen

10. April 2008

141. Nestlé GV: Peter Brabeck tritt als CEO zurück

Peter Brabeck und Doris Leuthard am Swiss-American-Forum 08 in Davos Peter Brabeck und Doris Leuthard am Swiss-American-Forum während des World Economic Forums 08 in Davos. In der ersten Reihe unter den Zuhörern SNB-Präsident Jean-Pierre Roth und Staatssekretär Jean-Daniel Gerber.

Peter Brabeck bleibt Nestlé-Präsident . . . und arbeitet weiter und warnt.

An der Nestlé-GV tritt Peter Brabeck-Letmathe heute Donnerstag als CEO zurück. Er hinterlässt seinem Nachfolger Paul Bulcke ein Unternehmen mit Weltgeltung. Und er bleibt Nestlé-Präsident..

Text und Bilder: Silvia Pfenniger

Jeden Tag entscheiden sich unsere Kunden, rund eine Milliarde unserer Produkte zu kaufen.» Peter Brabeck-Letmathe hinterlässt seinem als CEO und VR-Delegierter designierten Nachfolger Paul Bulcke ein in der Welt renommiertes Unternehmen. Im 2007 stieg der Gesamtumsatz des weltweit grössten Nahrungsmittel- und Getränkeunternehmens um über 9 Milliarden auf 107,6 Milliarden Franken. Verstummt sind die kritischen Stimmen, die im 2005 Brabeck anprangerten und ihm blossen Eigennutz und masslosen Ehrgeiz vorwarfen.

“Brillianter Auftritt” am Ethos-Jubiläum

Hinter der Kulisse: Handschlag-Pose für den Ethos-Fotograf Applaus für Peter Brabeck von Kaspar Müller, Ethos-PräsidentPeter Brabeck und Ethos-Präsident Kaspar Müller posieren handschlagend für den Ethos-Fotografen. Ethos-Direktor Dominique Biedermann beobachtet die Szene (links). Vor dem Publikum: Applaus für Referent Peter Brabeck von Kaspar Müller, Ethos-Präsident (rechts).

Consultant Andy Bantel freut sich mit seinem Kunden Dominique Biedermann über den gelungenen Event. Unter den Ethos-Gästen: Christoph Stückelberger, Direktor Globethics, und die Journalisten Victor Weber, Sonntagszeitung und Reto Lipp, Eco.Unter den Ethos-Gästen: Christoph Stückelberger, Direktor Globethics, und die Journalisten Victor Weber, Sonntagszeitung und Reto Lipp, Eco. Consultant Andy Bantel freut sich mit seinem Kunden Dominique Biedermann.

Peter Brabeck, als Referent am Ethos Jubiläum

Am Ethos-Event im Berner Kursaal im September 2007 hatte der Nestlé-Chef einen «brillanten Auftritt» («NZZ»). Brabeck gab dort zu bedenken, dass ein Unternehmen wie Nestlé sich den Aktionären stark verpflichtet fühle, dass diese umgekehrt aber nach schweizerischem Recht keinerlei Treuepflichten gegenüber der Aktiengesellschaft hätten. Sie könnten kurzfristigen Partikularinteressen nachgehen und sogar Konkurrenten sein. Das mache die geforderte gleiche Behandlung und Information aller Aktionäre manchmal schwierig. «Ethos will ein langfristig orientierter, loyaler und damit berechenbarer Aktionär sein», versprach Ethos-Stiftungs-Präsident Kaspar Müller. Ethos-Direktor Dominique Biedermann freute sich über den Dialog. Mit Blick zurück auf 2005 meinte er: «Dialog ist gut – solange er nicht in den Medien stattfindet.»

Gerry Schwarz in der NZZ zu Brabeck und Ethos:

“Das wäre vor zwei Jahren kaum möglich gewesen: Peter Brabeck am Geburtstagsanlass der Stiftung Ethos. Sie vertritt das Anliegen der Nachhaltigkeit sowie der sozialen Verantwortung bei Investitionen und engagiert sich in börsenkotierten Unternehmen für eine Stärkung der Aktionärsrechte. Der Nestlé-Chef wäre wohl, obschon ohne grosse Berührungsängste gegenüber Kritikern, kaum gekommen, und er wäre vor allem auch nicht eingeladen worden. Nun war von beiden Seiten viel von Dialog die Rede, Brabeck wurde von Ethos-Vertretern in informellen Gesprächen in den höchsten Tönen gelobt, und dieser gratulierte artig und «ehrlich» zum Geburtstag. Dennoch kann man nicht von einem Schmusekurs sprechen. Brabeck machte klar, dass er den Verwaltungsrat als ausgleichendes Gremium über den Partikularinteressen der unterschiedlichen Aktionärsgruppen sieht, und er verteidigte unbeirrt sein von Ethos vehement bekämpftes vorübergehendes Doppelmandat. Aber gleichzeitig scheint ihm das langfristige Denken von Ethos näher zu stehen als das kurzfristige der Hedge-Funds, die auch zu «seinen» Aktionären zählen. Ausserdem ist ihm Ethos eine willkommene schweizerische Alternative zu den einflussreichen ausländischen «Anbietern» von Stimmrechtsempfehlungen» wie ISS oder Calpers. Vor allem aber hat sich Ethos über die Jahre hinweg gewandelt. Die Stiftung gibt sich weniger dogmatisch und ideologisch; sie setzt auf das Gespräch statt auf Konfrontation, weil sie gemerkt hat, dass sie damit mehr erreicht. Der Auftritt Brabecks bei Ethos ist von daher Symbol.”

Brabeck im Aktionärsbrief 08: «Wichtigste Schritte des Wandels sind abgeschlossen.»

Er wolle seinen Nachfolger nicht mit Aufgaben belasten, die er noch nicht beendet habe, begründete der Nestlé-Konzernchef damals sein Doppelmandat, das er schon damals auf dieses Jahr beschränkte. Nun seien die wichtigsten Schritte des Wandels von Nestlé «zum weltweit führenden Nutrition-, Gesundheits- und Wellnessunternehmen abgeschlossen», schreibt er in seinem Brief an die Aktionäre. Im Klartext heisst das: «Mit einem Jahresumsatz von 11 Milliarden Franken ist Nestlé Weltmarktführer im Bereich Spezialnahrung, Nummer zwei im Markt für Gesundheitsernährung, Weltmarktführer für Leistungsnahrung auf ernährungswissenschaftlicher Grundlage, Nummer eins in Nordamerika bei massgeschneiderten Produkten zum Gewichtsmanagement.»

Warnung vor drohendem Wassermangel und drohender Hungersnot

Mit diesen grossen Erfolgen schmückte sich Peter Brabeck als Gastreferent der Swiss-American Handelskammer beim Auftritt vor 200 Managern und Unternehmern im Zürcher Zunfthaus zur Meisen nicht. Es ist der 1. April, und der Kontrast ist frappant. Peter Brabeck scherzt nicht. Er warnt eindringlich vor drohendem Wassermangel und drohender Hungersnot. «Verglichen mit dem Klimawandel, ist die Wasserkrise weitaus bedrohlicher. Die Folgen spüren wir jetzt und nicht erst in hundert Jahren.»

Im Zunfthaus zur Meisen: Referent Peter Brabeck im Gespräch mit Rainer Gut. Beim Lunch: Peter Brabeck und Unternehmerin und Nestlé-VR Carolina Müller-MöhlIm Zunfthaus zur Meisen: Referent Peter Brabeck im Gespräch mit Rainer Gut. Beim Lunch: Peter Brabeck und Unternehmerin und Nestlé-VR Carolina Müller-Möhl.

Peter Brabecks Fakten und Zahlen schrecken auf

«In Indien und China gehen die Wasserspiegel heute bereits um 1,5 Meter pro Jahr zurück. Im indischen Punjab muss man schon 100 Meter tief bohren, um noch Wasser zu finden. Diese Länder exportieren keinen Weizen mehr, sondern müssen Getreide importieren, weil ihnen das Wasser ausgeht.» Der Nestlé-Chef bezeichnet die allgemeine Begeisterung für Biokraftstoffe als «ökologischen Wahnsinn». Um einen Liter Treibstoff aus Pflanzen zu erzeugen, seien mehr als 4500 Liter Wasser nötig. Mit der gigantischen Wasser-Pipeline greife Libyen nicht erneuerbare Wasservorräte an: «Wir zapfen heute schon nicht nur die erneuerbaren, sondern auch die fossilen Wasservorräte an. Diese fossilen Vorräte wurden wie das Erdöl vor Millionen von Jahren geschaffen.»

Peter Brabeck als Referent des Swiss Venture Clubs in der Berner BEA-Halle mit Organisator Hans-Ueli Müller.Peter Brabeck als Referent vor 1200 Gästen des Swiss Venture Clubs in der Berner BEA-Halle mit Organisator Hans-Ueli Müller.

«Jede pflanzliche Kalorie kostet 1 Liter Wasser, aus tierischer Nahrung das Zehnfache»

Wasser ist das Business von Nestlé. Setzt sich der Konzernchef in eigener Sache dafür ein? Solche Vermutungen kontert Peter Brabeck mit nüchternen Zahlen: «Wir sind weltweit führend im Wassergeschäft, aber wir verbrauchen nur 0,0009% von allem Wasser, das konsumiert wird. Wenn Sie Wasser sparen wollen, sollten Sie mehr Wasser trinken und weniger Cola, Bier oder Wein. Denn um 1 Liter Wasser abzufüllen, brauchen wir 1,5 Liter Wasser. Zur Produktion von 1 Liter kohlensäurehaltigem Getränk benötigt man 3 bis 4 Liter, pro Liter Bier sogar 6 bis 7 Liter Wasser.»

Referat beim Efficiency Club im Zürcher Widder Hotel: Referent Peter Brabeck mit Christian Camenzind, CEO Bank Sal Oppenheim und Gastgeber Guido Persterer (rechts). Referat beim Efficiency Club im Zürcher Widder Hotel: Referent Peter Brabeck mit Christian Camenzind, CEO Bank Sal Oppenheim und Gastgeber Guido Persterer (rechts).

Ist Wasser kein Menschenrecht?

Mit der Forderung, Wasser müsse bezahlt werden, stiess Brabeck auf Missverständnis.  Der Chef eines Konzerns, «der sich täglich das Vertrauen von einer Milliarde Kunden erwerben muss», klärt auf. «Jawohl, Wasser ist ein Menschenrecht – die 5 Liter, die ich brauche, um zu leben, und die 20 Liter, die der Hygiene dienen. Wasser ist aber kein Menschenrecht, wenn ich damit den Swimmingpool fülle. Südafrika gibt jeder Familie pro Person 6000 Liter im Monat gratis ab; was drüber hinausgeht, wird bezahlt. Ein spanischer Bauer oder Golfplatzbetreiber zahlt aber nur 2% der effektiven Wasserkosten, entsprechend sorglos gehen sie mit Wasser um.»

Wer meint, dass er mit seiner Dusche am meisten Wasser verbraucht, irrt: «Für die Körperpflege braucht der durchschnittliche Europäer etwa 50 Liter Wasser pro Tag. Hinzu kommt, dass wir auch noch bis zu 8000 Liter Wasser am Tag essen. Jede pflanzliche Kalorie kostet in der Herstellung einen Liter Wasser, jede Kalorie aus tierischer Nahrung das Zehnfache.» Wasser und nicht der Klimawandel werde Thema des Weltwirtschaftsforums 2009 sein, sagt Brabeck, Stiftungsrat des World Economic Forums (WEF).

Die grösste Nestlé-Milch-Fabrik ist in Pakistan

Eröffnung der grössten Nestlé-Milchfabrik in Pakistan: Peter Brabeck schenkt Ehrengast Musharraf eine Schweizer Uhr. Peter Brabeck besucht die Milchbauern. Eröffnung der grössten Nestlé-Milchfabrik in Pakistan: Peter Brabeck schenkt Ehrengast Präsident Musharraf eine Schweizer Uhr. Peter Brabeck besucht Milchbauern.

Nach dem abenteuerlichen 13-Stunden-Arbeitstag zeigt Peter Brabeck (noch) keine Spur von Müdigkeit. Der Bauer und Nestlé-Pakistan-Mitarbeiter freuen sich über den Besuchs von Peter Brabeck. Nach dem abenteuerlichen 13-Stunden-Arbeitstag zeigt Peter Brabeck (noch) keine Spur von Müdigkeit. Der Bauer und Nestlé-Pakistan-Mitarbeiter freuen sich über den Besuchs von Peter Brabeck.

Erinnerungsfoto mit Peter Brabeck vor dem Abflug Richtung Dehli: rechts im Bild ist Nestlé-Pakistan-Chef Roland Roland Decorvet, inzwischen Chef Nestlé Schweiz. Erinnerungsfoto mit Peter Brabeck und Frits van Dijk, Nestlé Executive Vice President Zone Director for Asia, Oceania, Africa and Middle East (links) vor ihrem Abflug Richtung Dehli: rechts im Bild ist Nestlé-Pakistan-Chef Roland Roland Decorvet, inzwischen Chef Nestlé Schweiz.

Die Integration der Frauen auf allen Ebenen der Wirtschaft ist für Peter Brabeck ein bedeutendes Thema.

Für die Weiterbildung der Frauen im Bereich Viehwirtschaft wurde eine Public-Private-Partnership zwischen dem United Nations Development Programme (UNPD) und Nestlé gegründet. Es gilt, Kühe und Büffel zu züchten, die trotz kargem Fressen mehr Milch produzieren, und deren Nahrung zu optimieren. Die grösste Nestlé-Milchfabrik der Welt, im pakistanischen Kabirwala, verarbeitet 2 Millionen Liter Milch pro Tag, die in den kommenden Jahren auf 3 Millionen Liter ausgeweitet werden sollen. Seit ihren ersten Investitionen in Pakistan vor 18 Jahren hat Nestlé das grösste Milchsammlungs-Netzwerk des Landes geschaffen. Heute sammelt das Unternehmen auf einer Fläche von 100000 Quadratkilometern im Punjab Milch von 140000 Landwirten, die dafür jährlich über 120 Mio. Franken direkt von Nestlé erhalten. «Nestlé sollte weltweit noch mehr Milch für Babys anbieten, denn aidskranke Mütter können ihre Kinder beim Stillen infizieren», sagte eine Pakistanerin an der Eröffnungsfeier. Unter den Gästen waren Staatspräsident Musharraf und mehrere Minister, sowie 500 der bereits 4000 von Nestlé weitergebildeten Frauen. (Mehr dazu und Fotos folgen!)

Wie Brabeck sein enormes Wissen zukünftig einsetzen wird, verrät er noch nicht. Im Streitgespräch mit dem ehemaligen Greenpeace-Chef Thilo Bode, wurde er einst gefragt, welchen Job er bei einem Rollentausch ausüben möchte. Der Nestlé-Chef wählte nach kurzem Nachdenken das Rote Kreuz, wo er als Manager gar nicht viel ändern würde. Und Greenpeace? «Den Namen würde ich als Marke kaufen», meinte Brabeck schmunzelnd.

Zu seiner Motivation sagt er: «Als ehrgeizig würde ich mich nicht bezeichnen. Ich habe Freude an der Durchführung. Das ist etwas anderes. Die Freude, etwas zu gestalten, etwas zu verändern, so wie wir Nestlé verändert haben.»

Die Arbeit geht ihm nicht aus. Er ist für die nächsten Jahre als Nestlé-Präsident gewählt, ist Vize-Präsident von Oréal, VR-Mitglied der Credit Suisse Group und von Roche Holding, Mitglied des Round Table of Industrialists und Stiftungsrat des Swiss Economic Forums.

Siehe auch:

Wie fies Schütz auf Peter Brabeck schoss (klick!)

140. Nestlé Generalversammlung (klick!)

Zum CV von Peter Brabeck

Vom Eiscrème-Verkäufer zum Nestlé-Chef

Peter Brabeck-Letmathe, 1944 in Villach (Österreich) geboren, ist seit rund 40 Jahren beim Lebensmittelgiganten Nestlé. Er hebt in seinen Reden oft hervor, dass er seine Karriere als Eiscrèmeverkäufer begonnen habe, und verschweigt sein Wirtschaftsstudium an der Hochschule für Welthandel in Wien. Er stammt aus einer alten österreichischen Familie, die sich «Von Brabeck zu Letmathe» nannte.Er ist mit der Unternehmerin Bernadette Brabeck verheiratet, die er in Chile kennenlernte, und Vater von drei erwachsenen Kindern. In seiner Freizeit sucht er gerne das Abenteuer. Er ist passionierter Bergsteiger, Gletscherpilot und Harley-Davidson-Fahrer.

2 Kommentare

  1. [...] Siehe auch: 141. Nestlé-GV – Peter Brabeck tritt als CEO zurück, aber arbeitet und warnt als Präsident weiter… [...]

    Pingback von Sehen und gesehen » Wie fies Schütz auf Peter Brabeck schoss — 20. April 2009 @ 04:42

  2. [...] Peter Brabeck arbeitet weiter  (Klick!) [...]

    Pingback von Sehen und gesehen » 140. Nestlé-Generalversammlung — 25. Mai 2009 @ 22:22

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