Sehen und gesehen

18. November 2010

Suppentag der Schweizer Tafel: “Diese Suppe löffeln wir gemeinsam aus!”

“Brücken zwischen Überfluss und Mangel bauen”

18. 11.2010 – Yvonne Kurzmeyer, Gründerin und Initiantin Schweizer Tafel und ihr Team und zahlreiche prominente Suppenschöpfer rufen heute  zum gemeinsamen Suppenessen zu Gunsten der Schweizer Tafel auf: “In 26 Städten der Schweiz schöpfen Prominente aus Politik, Kultur und Sport Suppe für einen guten Zweck. Kommen Sie an einem der Standorte vorbei, essen Sie eine Suppe und bekunden Sie mit einer Spende Ihre Solidarität mit den von Armut betroffenen Menschen in unserer Gesellschaft.” Für weitere Infos: http://www.schweizertafel.ch

Siehe auch: Unterwegs mit Schweizer Tafel

Suppentag der Schweizer Tafel

Porträt Yvonne Kurzmeyer

Im Mai 2000 gründete die Mutter und Hausfrau Yvonne Kurzmeyer mit 200’000 Franken die Stiftung “Hoffnung für Menschen in Not”. Ein Jahr später initierte sie die Schweizer Tafel.

18.11.2010 – Heute Donnerstag von 11.30 bis 20 Uhr ruft die Schweizer Tafel mit ihrem Suppentag auf dem Bärenplatz in Erinnerung, dass in der Schweiz 380’000 von Armut betroffen sind. Diese Spendenaktion der Schweizer Tafel – einem Projekt der Stiftung “Hoffnung für Menschen in Not” – wird schweizweit durchgeführt. Die Schweizer Tafel sammelt einwandfreie Lebensmittel und verteilt sie über soziale Institutionen an Bedürftige. Allein im Raum Bern transportierten im 2009 freiwillige Fahrer und Fahrerinnen mit drei Kühlfahrzeugen über 312 Tonnen Lebensmittel von 36 Spendern  an 83 Hilfswerke. Gründerin, Stiftungsratspräsidentin und Co-Geschäftsführerin ist Yvonne Kurzmeyer (54). Die geborene Luzernerin aus Horw am Vierwaldstättersee absolvierte das Lehrerseminar und die Handelsschule, arbeitete bis zu ihrer Heirat als Sekretärin in Hotels und bei Nestlé sowie im Aussendienst von Berndorf. Nebst ihrem “bald erwachsenen Kind”, der Schweizer Tafel, engagiert sie sich bei weiteren Hilfswerken mit Rat und Tat. Ihre Tochter Karin (23) studiert an der Kunstfachhochschule in Zürich. Ihr Sohn Michi (21) absolviert ein Bank-Praktikum zur Vorbereitung des Wirtschaftsstudiums und wohnt noch daheim mit seiner Mutter im Murten. Sie lebt seit ein paar Jahren getrennt von ihrem Ehemann.

Für die Kamera versucht Yvonne Kurzmeyer mit ein paar wenigen Griffen ihre blonde Mähne  zu bändigen und seufzt: “Ich weiss nicht, wie es die Frauen machen, die immer perfekt wie usem Druckli aussehen. Mir gelingt dies einfach nicht.” Sie nähmen wohl das Leben etwas ruhiger, vermutet sie. Energie geladen wie immer erzählt sie strahlend von ihren Vorbereitungen für den “Suppentag” am kommenden Donnerstag. Rund 2000 spendefreudige Berner und Bernerinnen erwartet sie auf dem Bärenplatz. Zu löffeln gibt es 400 Liter feinste Kürbissuppe, gespendet vom 16 Gault-Millau-Punkte Meridiano-Chef de Cuisine Markus Arnold und seinem Team. Dazu Mineralwasser von Globus, Nidlekuchen von Monier  und Brot von der Glatz-Backstube. Dass unter anderen Promis wie SCB-Präsident Georg Krneta mit einem SCB-Spieler, Musiker Marc Dietrich (Peter Sue und Marc) und Heidi Maria Glössner als eifrige Suppenschöpfer mitwirken, dient als zusätzlicher Erfolgsgarant. Mit von der Partie ist auch Ted Scapa, der den dampfenden Suppentopf auf der Einladung zeichnete. “Diese Suppe löffeln wir gemeinsam aus”, ist das Motto der Spendenaktion.

“Zuviel Geld kann den Charakter verderben, kein Geld ebenfalls.”

“Wenn alle Reichen, die es in der Schweiz gibt, zehn Prozent ihres Geldes für die Armen stiften würden, bräuchte es uns wahrscheinlich gar nicht. Dann gäbe es bei uns vermutlich gar keine Armut”, gibt Yvonne Kurzmeyer zu bedenken. Ob die rund 700’000 Franken, die sie bis jetzt in die Schweizer Tafel investiert hat, ein Zehntel sind, verrät sie nicht. So oder so: Die Hausfrau und Mutter setzt vor allem auch ihre unbändige Energie ein. Und ihre Überzeugungskraft, mit der sie Spender und Helfer findet und motiviert. Vor allem durch ihren festen Glauben an das Gute im Menschen. Das gilt auch für die Bewohner des Hauses Felsenau, wo die freiwilligen Fahrer der Kühlwagen “Tafel-Ware” abliefern und in der Mittagspause auch selber probieren. “Ich esse gerne dort”, sagt Kurzmeyer, die auf Kontrollfahrten auch im “Felsenau” einkehrt. Einem Übergangsheim für Strafentlassene oder ehemalige Drogenabhängige, die dort unter dem Zepter von Küchenchef Werner Loeffel auch hinter dem Herd stehen und servieren. “Manche sind schwache, aber sehr sensible Menschen und haben ein gutes Herz”, findet sie und ergänzt: “Süchtig sein hat mit Suchen zu tun.” Den Sinn vom Leben suche auch sie.

Kann sie als reiche Frau mit einem schönen Heim überhaupt Menschen verstehen, die am äussersten Rande unserer Gesellschaft leben? “Ja, denn das Sprichwort vom Geld, das allein nicht glücklich macht, ist nicht aus der Luft gegriffen”, antwortet Kurzmeyer aus Erfahrung. Sie kennt viele reiche Menschen: “Menschen, die viel reicher sind als ich.” Und sogar unglückliche Milliardäre. Für weit mehr als die rund 380’000 Menschen, die in der Schweiz von Armut betroffen, mag dies wie ein Hohn klingen. Vor allem für die Working Poor zu denen ein Drittel zählt. “Viele von ihnen schaffen und schuften den ganzen Tag und bringen es trotzdem auf keinen grünen Zweig”, weiss meine Gesprächspartnerin und denkt laut über ein besseres Wirtschaftsystem nach, “das jedem Menschen ein anständiges Leben erlaubt”. Bei der Umsetzung in die Praxis happert es noch. Aber leicht lasse sie sich nicht entmutigen, sagt die “Optimistin”.

Als sie die Schweizer Tafel gründete, die im 2011 ihren zehnten Geburtstag feiern kann, sei sie nicht nur auf Begeisterung gestossen, erzählt sie. Armut in der Schweiz sei damals noch ein Tabu gewesen. Und Grossverteiler verkauften Ware, wenn die Frist zwischen Verkaufs- und Verbrauchsdatum es erlaubte, ihrem Personal. Oder befürchteten allfällige Konkurrenz und “versorgten” Übriggebliebenes im Abfallkübel. Selbst Caritas zweifelte vorerst an der Schweizer Tafel. Doch die Zahlen vom Geschäftsbericht 2009 zeugen vom grossen Erfolg. In 12 Regionen der Schweiz waren 29 Kühlfahrzeuge unterwegs, mit 2746  Tonnen Lebensmitteln im Wert von 17.9 Millionen Franken. Dank 512 Waren-Spendern und Hauptsponsoren wie CS, Schindler und Coop wurden diese gratis an 489 soziale Institutionen verteilt – 10,9 Tonnen pro Tag. (Mehr auf: http://www.schweizertafel.ch.) “Ein Spendefranken generiert einen Mehrwert von 15.60 Franken”, rechnet Yvonne Kurzmeyer.  Doch sie ruht nicht auf diesen Lorbeeren aus: “Es ist bloss ein Zehntel der noch verwertbaren Esswaren, die wir vor dem Abfallkübel retten.” Neben den rund 20% ihrer Zeit, die sie pro Jahr noch für die Schweizer Tafel investiert, brütet sie bereits neue Projekte aus. So ist sie zum Beispiel an einem Projekt mit Solarenergie im Senegal “finanziell und interessemässig” beteiligt (http://www.solar4theworld.com). “Aber ich kümmere mich auch um den Haushalt und den Garten, höre Musik, koche für Freunde und geniesse das Leben”, sagt sie und betont: “Ich bin keine Mutter Teresa.” Also doch: reich und glücklich! “Ja, für mich ist es sehr befriedigend einen Teil meines Reichtums mit anderen zu teilen.”

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