Sehen und gesehen

11. September 2011

Interview Jeremy Rifkin zu 9/11

Abgelegt unter: — Silvia Pfenniger @ 07:50

«Ich habe immer wieder gewarnt»

Globalisierungskritiker Jeremy Rifkin über mögliche und falsche Strategien gegen den Terror.

Der US-Amerikaner Jeremy Rifkin, einer der bedeutendsten Querdenker unserer Zeit, erlebte den Angriff auf die USA in der Schweiz. In einem Exklusiv-Interview erklärte Rifkin damals, warum man den Terror nicht mit Waffen, sondern mit der Verbesserung des ökonomischen Gleichgewichts bekämpfen muss.

Silvia Pfenniger

Herr Rifkin, wie und wo haben Sie von der Katastrophe in New York erfahren?

Ich war gerade in Zürich bei einem US-amerikanischen Unternehmen, das Atomkraftwerke betreibt, und wir hatten ein strategisches Treffen mit acht Personen im Rahmen einer Telefonkonferenz. Plötzlich verabschiedeten sich zwei der Teilnehmer, weil die Kernkraftwerkzentralen alarmiert worden waren, etwas später dann die Leute vom Pentagon, weil dieses Gebäude inzwischen getroffen worden war.

Wie haben Sie reagiert?

Ich schaltete CNN ein, rief meine Frau in Washington, D. C. an und versuchte erfolglos, mein Büro zu erreichen. Da es sich in unmittelbarer Nähe zum Weissen Haus befindet, war es bereits evakuiert worden.

Hielten Sie bis dahin eine solche Katastrophe überhaupt für möglich?

Durchaus. Wenn man in Washington, D. C. lebt, macht man sich über solche Sachen vermehrt Gedanken. Ich hatte gerade eine Kolumne im Zusammenhang mit der Bedrohung aus dem Mittleren Osten beendet, in der ich mich mit den Gefahren der Globalisierung und dem World-Business befasste, die mit militärischer Macht nicht aus der Welt zu schaffen ist.

Sie betrachten die Katastrophe also nicht als Einzelfall?

Nein, ich befürchte, dass die Reaktionen immer aggressiver werden, und dies in immer wieder neuen Regionen und Ländern.

Wie kann man diesen Terrorismus bekämpfen, wenn nicht mit militärischer oder polizeilicher Gewalt?

Wir müssen damit die Communities, das heisst übersichtliche Gemeinschaften beauftragen und den Leuten ihre Identifikationsmöglichkeiten zurückgeben, die sie durch die Auswirkungen der Globalisierung zu verlieren befürchten.

Wie können diese ohne Waffenarsenal gegen den Terrorismus ankämpfen?

Sie können allfällige Terroristen und Fundamentalisten erkennen, isolieren, zurückweisen und auf sie aufmerksam machen. Eine Regierung allein hat keine Möglichkeit herauszufinden, wo sich Terroristen aufhalten. Das hat sich auch im aktuellen Fall gezeigt. Ich habe über dieses Problem immer wieder geschrieben und davor gewarnt.

Sie appellieren also auch an die NGO, die Nicht-Regierungs-Organisationen?

Ja, man muss sie einsetzen und mobilisieren, wenn man Anarchisten, Rechtsextreme und Fundamentalisten religiöser oder ethnischer Art isolieren und entwaffnen will.

Und Sie glauben wirklich, dass all diese verschiedenen Gruppen sich mobilisieren lassen?

Nicht einfach so. Ihre Frage bringt mich dazu, ein grundlegendes Problem anzuschneiden, das man in Wirtschaftskreisen, vor allem auch in den USA, nicht wahrhaben will: den Mangel an ökonomischem Gleichgewicht. Ohne dass dieses Gleichgewicht gestärkt wird, gibt es keine Hoffnung, kein Tomorrow.

Und in der Hoffnung sehen Sie einen Lösungsansatz?

Ja, den einzigen. Menschen, die keine Hoffnung haben, werden vermutlich nicht alle zu Terroristen, aber sie leisten ihnen passive Unterstützung. Deshalb müssen wir Geld und Human Resources im Mittleren Osten investieren, um nicht bloss die Symptome, sondern die Ursachen zu bekämpfen. Irland ist dafür ein gutes Beispiel. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung hat der Terrorismus abgenommen.

Braucht es also ein besseres ökonomisches Gleichgewicht?

Dies wird unumgänglich sein, denn die Auswirkungen dieser neuen Art von Krieg sind verheerend. Nicht bloss wegen der spektakulären Zerstörung von Gebäuden oder Flugzeugen, sondern weil dadurch das Vertrauen der Menschen an der Wurzel angegriffen und zerstört werden kann.

Das spürt man bereits in den Berichten aus den USA, und der Tenor klingt auch schon in Europa vermehrt an.

Ja. Wir sind alle verunsichert, niemand weiss, wer die Attentäter waren, und die Gefahr ist gross, dass sich dieses Misstrauen ausweitet und sich in den USA auf die Einwanderungspolitik und auf die Beziehungen zu allen uns fremd erscheinenden Menschen auswirkt und dann schliesslich zur Paranoia wird. Ich möchte zum Beispiel wissen, wer mit mir im Flugzeug sitzt. Diese Art zu denken wird überall zunehmen. Doch das ist die falsche Art, mit dem Problem umzugehen.

Was kann man dagegen tun?

Wir dürfen uns in unseren Bürgerrechten nicht durch falsche Panik einschränken lassen, und die USA dürfen ihre Grenzen nicht verschliessen und sich abschotten.

Wie wollen Sie dies verhindern?

Alle politischen Parteien müssen sofort Gespräche mit den NGO aufnehmen und versuchen, Partnerschaften aufzubauen mit Leuten, die in den Communites verankert sind. Damit könnte das Vertrauen wieder gestärkt werden.

Das in den USA schwer gestört ist?

Ja, wir haben keine Kriegserfahrung im eigenen Land, und die Angst vor jedem Menschen, der nicht eindeutig einzuordnen ist, könnte schlimme Ausmasse annehmen. Amerikaner haben nicht gelernt, mit dieser Angst und diesem Misstrauen umzugehen. Als Reaktion könnten alle Demonstrationen von Oppositionen, auch friedliche, verboten werden. Und das darf nicht passieren. Die globalen Unternehmen müssen unbedingt den Kontakt und die Partnerschaft zu den NGO suchen, sonst werden wir neben dem Rechtsextremismus auch noch einem linken Fundamentalismus den Weg bereiten.

Sehen Sie darin eine Gefahr für die globale Wirtschaft?

Ja, eine sehr grosse. Und der Finanzmarkt wird sehr schlecht darauf reagieren.

Befürchten Sie in den USA eine Rezession oder gar den Kollaps des Aktienmarktes?

Das ist nicht auszuschliessen. Ohne Vertrauen ist Business nicht möglich. Erst das Vertrauen zwischen Menschen macht Handel möglich. Kultur und Vertrauen kommen zuerst, das Geschäft erst im Nachhinein. Das hat sich nach dem Fall der Mauer gezeigt. Es wurde in den Oststaaten kein soziales Kapital, sondern bloss Geld investiert, und deshalb hat es auch geschäftlich nicht geklappt.

Sie glauben also, dass wir den Terrorismus, die neue Kriegsform, nicht mit Militär und Waffen überwinden können?

Ja, ohne sozial verträgliche Lösung wird er sich wie eine Hydra weiterentwickeln und mit dem Vertrauen unser gesamtes Wirtschaftssystem zerstören.

Jeremy Rifkin

Querdenker Jeremy Rifkin, einer der bedeutendsten Intellektuellen unserer Zeit, Autor von 15 Büchern über den Einfluss von Wissenschaft und Technik auf die Gesellschaft, lebt und arbeitet in Washington, D. C. Zu den berühmtesten Werken des Gründers und Präsidenten der «Foundation on Economic Trends» in Washington gehört «Das Ende der Arbeit», ein Bestseller, der in 16 Sprachen übersetzt wurde und weltweite Debatten auslöste. Rifkin war Referent an der Internationalen Handelstagung für strategisch orientierte Führungskräfte im Gottlieb-Duttweiler-Institut (GDI) in Rüschlikon. Dort vereinbarte er für den 11. September mit Silvia Pfenniger ein Gespräch über seine Bücher. Doch aus aktuellen Gründen wurde daraus dieses exklusive Interview, dass Silvia Pfenniger exklusiv im CASH publizierte.


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